Von der Schönheit im Unscheinbaren zum Haiku

Mein fotografischer Ansatz, die Schönheit im Unscheinbaren festzuhalten (siehe „Über mich“), hat mich zur Beschäftigung mit einer uralten japanischen Tradition geführt.

Durch Zufall bin ich auf das Buch des Fotografen Martin Timm „Haiku fotografieren – Ein neuer Ansatz für die Naturfotografie“ (fotoforum-Verlag) gestoßen, das mich neugierig gemacht hat, mich näher mit dem Thema und der Verknüpfung von Poesie und Fotografie zu beschäftigen.

 

Was ist Haiku?

Ein Haiku ist ein kleines japanisches Gedicht, das aus drei Zeilen mit 5-7-5 Silben besteht. Ihm fällt die Aufgabe zu, den flüchtigen Augenblick eines Naturerlebnisses in wenige, treffende Worte zu fassen, um so auf das unbegreifliche Geheimnis hinzuweisen, das sich in ihm offenbart. Das gelingt aber nur, wenn, angesichts der nur 17 Silben, über die das Haiku verfügt, jedes Wort gemieden wird, das über die Stimmung des erlebten Augenblicks hinausgeht. Für ein gutes Haiku sollte es dem Dichter gelingen, eine in sich geschlossene lyrische Stimmung zu erzeugen. Diese Stimmung erwächst dabei nicht allein aus dem Einklang seiner Worte, sondern auch aus seiner Zurückhaltung.

Ein Beispiel für ein gelungenes Haiku ist das bekannteste Haiku des Altmeisters Bashô:

Ein alter Weiher
Vom Sprung des Frosches
Ein kleiner Laut

(Bashô, japanischer Dichter und Altmeister des Haiku, 1643 – 1694)

Dass das Silbenmaß 5-7-5 nicht eingehalten ist, ist auf die deutsche Übersetzung zurückzuführen. Übersetzer von Haiku vertreten unterschiedliche Ansätze, ob bei der Übersetzung die Stimmung des Haiku im Vordergrund steht oder zwingend auch das Silbenmaß eingehalten werden muss. Dies ist z.T. sehr schwierig, da die japanische und die deutsche Sprache so unterschiedlich sind.

Weitere Informationen zu dem Thema vgl. Haiku Japanische Dreizeiler – Ausgewählt und aus dem Urtext übersetzt von Jan Ulenbrook, Reclam-Verlag.

 

Wie entsteht ein Haiku-Foto?

Haiku in Form eines Fotos zum Ausdruck zu bringen, bedeutet für mich nicht, zu einem bereits existierenden Haiku-Text ein passendes Abbild zu produzieren. Der Augenblick, den das Haiku im Text beschreibt, ist das, was der Dichter empfunden hat, als er das Haiku gedichtet hat. Es ist sein Augenblick, nicht meiner.

Möchte ich ein Haiku in Form eines Fotos erschaffen, geht es darum, den Augenblick einzufangen, der sich in dem Moment zwischen dem Öffnen und Schließen der Kameralinse für mich ereignet. Der kann inspiriert sein durch ein dichterisches Haiku, muss es aber nicht. Um ein Foto zu einem Haiku zu machen, ist es jedoch unerlässlich, im übertragenen Sinne dessen dichterische Grundprinzipien zu beachten.

Schönheit im Sinne von WabiSabi

Die Worte WabiSabi verwendet man in Japan, um eine Schönheit zu beschreiben, die sich durch Schlichtheit, Einfachheit und Selbstgenügsamkeit auszeichnet, eine Schönheit, die durch innere Werte entsteht. Die Schönheit liegt dabei in der Unvollkommenheit der Dinge, in der Vergänglichkeit. WabiSabi beschränkt auf das Wesentliche ohne jedoch die Anmut oder die Poesie zu nehmen.

Die Schönheit eines Haiku-Fotos entsteht durch Zurückhaltung. Das Motiv steht nicht im Vordergrund, sondern ist nur der Schlüssel zum freien Raum. Nicht die wunderschöne Blüte ist Blickfang oder die atemberaubende Landschaft, sondern vielmehr ein Moment der Vergänglichkeit, des Beginns oder des Ausklingens.

„Reduktion!
Man will immer mehr sagen, als die Natur
und macht den unnötigen Fehler,
es mit mehr Mitteln sagen zu wollen als sie,
anstatt mit weniger Mitteln.“

(Paul Klee, Tagebücher, 1908)

Wichtig in einem Haiku-Foto ist der freie Raum im Bild – Raum, den der Betrachter selbst mit eigenen Gedanken und Empfindungen füllen darf. Der freie Raum ist lebendig, weckt die Neugier des Betrachters und regt zu eigenen Interpretationen an.

„Wie weit man auch blickt
weder Blüten noch leuchtend verfärbtes Ahornlaub.

Am Ufer
nur eine riedgedeckte Hütte
in der herbstlichen Abenddämmerung.“

(aus Leonard Koren, Wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer,
Ernst Wasmuth Verlag GmbH & Co.)

Ein Haiku-Foto vermittelt den Eindruck von Zeit – bezogen auf die Natur von Vergänglichkeit, von Bewegung. Alles kommt, alles geht, alles kommt wieder. Etwas bewegt sich im Wind. Das Wasser fließt oder bringt Wellen hervor. Die Wolken ziehen am Himmel. Der Regen fällt. Die Sonne bringt Licht und Schatten.

„Wohin wohl
die Winterwinde
die Regenwolken treiben …“

(Haiku von Hakuen, 1740 – 1806, abgedruckt in Die Kunst des letzten Augenblicks,
gesammelt und kommentiert von Yoel Hoffmann, Verlag Herder GmbH)

 

Künstlerische Umsetzung

Ausdrucksmittel für das WabiSabi eines Fotos sind z.B. Unschärfe und Patina, Spuren der Vergänglichkeit. Ich als Fotograf nehme mich zurück, will nicht mich ausdrücken in dem Bild mit meinen Fähigkeiten, meinem Ego. Mit Empathie lasse ich die Natur auf mich wirken. Ich suche nicht nach fotogenen Motiven oder angesagten Locations. Das Paradies liegt vor meinen Füßen, an fast jedem Ort in der Natur. Ich muss mich nur auf Augenhöhe des Motivs begeben, hinsehen, spüren und die Schönheit im Unscheinbaren entdecken und behutsam und mit Respekt vor der Natur eine Momentaufnahme davon einfangen.

 

Philosophie des WuWei

Haiku-Fotografie folgt der Philosophie des WuWei.

WuWei kommt aus dem Daoismus und bedeutet, dass ein Zustand der inneren Stille zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt. D.h. die Bilder entstehen nicht aus dem Denken, sondern aus dem Gefühl heraus. Nur was mich berührt, wird zum Bild. Es entsteht von allein, nicht durch zielgerichtetes Wollen.

„Handle nicht – und doch bleibt nichts ungetan.“

(Daodejing)